Grammatikalisierung von Partikeln

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Diese Seite ist Teil des Partikellexikons und ein Beispiel für den Einsatz von Wikis im Sommersemester 2007.
Text zum Teil entnommen aus Dissertation "Abtönungspartikeln - dargestellt am Beispiel des Ausdrucks wohl" (Schulz 2009) (i. E.)

Einleitung

Viele rezent übliche Wörter, Phrasen, Formen und Formulierungen der sprachlichen Kommunikation wären in dieser Art und Weise, wie sie denn aktuell vorzufinden sind und gebraucht werden, nicht denkbar bzw. existent, wären sie nicht im Laufe der Zeit durch einen Grammatikalisierungsprozess, der als spezifischer (eher grammatischer) Teil des allgemeinen sprachlichen Wandels angesehen werden kann und mit diesem im Zusammenhang steht, entstanden. Dieser Prozess kann durchaus über mehrere Jahrhunderte ablaufen, verschiedene Phasen, Grade und Nuancen beinhalten, vor- oder rückläufig ("Degrammatikalisierung") sein und zeichnet sich durch diffizile grammatische Teilprozesse oder (paradigmatische wie syntagmatische) Parameter der Grammatikalisierung (vgl. Lehmann 1995: 121 ff.) aus. Dazu gehören bspw. Prozesse wie semantische Ausbleichung ("Desemantisierung") oder Verlust an phonologischer Substanz oder strukturellem bzw. syntaktischem Skopus (vgl. ebd.). Anhand verschiedener Fallbeispiele (zum Beispiel der deutschen Modalverben) veranschaulicht Diewald (1997: 21 ff.) die verschiedenen Prozesse und Grade der Grammatikalisierung. So ist bspw. die epistemische Variante der Modalverben stärker grammatikalisiert als die deontische und geht mit stärkerer Paradigmatizität einher (vgl. ebb. und weiter unten).

Das Konzept der Grammatikalisierung

Das Konzept der Grammatikalisierung kann als multifaktorielles, interdependentes Zusammenspiel von grammatischen Veränderungsprozessen - in erster Linie bezogen auf freie lexikalische Zeichen, die zu grammatisch verfestigten werden - im Laufe der Zeit angesehen und beschrieben werden. Es kann aber auch rückläufige Tendenzen geben. Der Terminus wird in den einschlägigen Werken wie folgt beschrieben/definiert:

„Grammatikalisierung ist die Überführung eines Zeichens ins grammatische System, also seine Unterwerfung unter grammatische Regeln.“ (Lehmann - siehe Webpage-Angabe unten).

„Ihr zentrales Anliegen ist die Untersuchung der Entstehung grammatischer Zeichen aus dem Lexikon und der Verstärkung der grammatischen Funktion bereits bestehender grammatischer Formen." (Diewald 1997: Vorbemerkung).

Weg der (De-)Grammatikalisierung

„Die Grammatikalisierung befaßt sich also mit unterschiedlichen Ausdrucksmöglichkeiten bestimmter konzeptueller Domänen; sie untersucht, welche konzeptuellen Domänen (bevorzugt) mit grammatischen Formkategorien ausgedrückt werden, wie diese grammatischen Formkategorien entstehen und wie ihre Beziehung zu lexikalischen Formkategorien beschaffen ist. Daraus ergibt sich, dass sich die Grammatikalisierungsforschung vor allem mit Übergangsbereichen befaßt; mit Übergängen zwischen Lexikon und Grammatik, zwischen einer Struktur mit lexikalischer und einer anderen mit grammatischer Bedeutung, mit Übergängen zwischen verschiedenen linguistischen Ebenen (z. B. zwischen Syntax und Morphologie, Morphologie und Phonologie; bspw. wenn aus einem ehemaligen Morphem ein phonologisches Merkmal wird) und mit dem Verhältnis zwischen historischer Entwicklung und gegenwärtigem System.“ (Diewald 1997: 10).

Ergänzend der entsprechende (zweite) Eintrag aus dem Oxford consise dictionary of linguistics:

grammaticalization: 1) The representation of notional distinctions in the grammar of a specific language. [...]. 2. The process by which, in the history of language, a unit with lexical meaning changes into one with grammatical meaning. E.g., in Italian ho mangiato ('I have eaten'), a form that was in Latin a full verb ('to have, possess') has been grammaticalized as an auxiliary (ho). In manegro ('I will eat'), the same form, first combined as an auxiliary with an ifinitive (lit. 'to-eat-I-have'), has further changed to an inflectional ending (-o). (Matthews 2005: 151).

Abschließend und zusammenfassend einige Zeilen von Fritz (2006), der in seinem Buch "Historische Semantik" - ähnlich Diewald (1997) - u. a. auch auf Prozesse der Methaphorisierung und Metonymisierung (vgl. ebd.: 36 ff.) bzw. problematische Aspekte bzgl. der Bedeutungsentwicklung von Partikeln (vgl. ebd.: 146 ff.) eingeht, und zum (kognitiv-semantischen) Konzept der Grammatikalisierung bemerkt: "Unter Grammatikalisierung versteht man den historischen Prozeß, in dem manche lexikalische Elemente Funktionen übernehmen, die sonst (auch) grammatische Morpheme haben (z.B. Tempus- oder Modusmorpheme). Dabei verändern sich die lexikalische Elemente semantisch, syntaktisch und phonologisch so, daß sie im Extremfall selbst zu grammatischen Morphemen werden. Ein Beispiel ist die Entwicklung des englischen will - Gegenstück zum deutschen wollen - zum Futur-Indikator. Grammatikalisierungsprozesse sind für die historische Semantik deshalb interessant, weil in ihnen besonders schön sichtbar wird, wie die Sprecher/innen [auch im Humboldtschen Sinne] neuen Gebrauch von alten Mitteln machen, und weil ihre Analyse so häufig erlaubt, konkurrierende Lösungsmöglichkeiten für bestimmte funktionale Aufgaben in ihrer geschichtlichen Entfaltung zu beobachten und typische semantische Entwicklungspfade zu beschreiben (vgl. Traugott/König 1991, Bybee/Perkins/Pagliuca 1994)." (ebd.: 99).

Forschungsstand

Der Forschungsstand zur Grammatikalisierung ist mittlerweile recht weit fortgeschritten und es gibt Untersuchungen in verschiedener Hinsicht. So existieren bspw. neben einzelnen speziellen Untersuchungen zur "Grammatikalisierung deutscher Abtönungspartikeln" (Molnar 2002) auch universellere Werke wie ein "word lexikon of grammaticalization" (Heine/Kuteva 2004) oder Sammelbände (Leuschner/Mortelmans/De Groodt 2005) mit diversen Beiträgen zu bestimmten thematischen Bereichen (im genannten Sammelband bspw. zu/m: nominalen Bereich, verbalen Bereich, zwischen Grammatik und Diskurs).

In Anknüpfung an historische Vorläufer wie Schlegel, Humboldt, Gabelentz, Brugmann, Bopp, u.a. (vgl. Lehmann 1995: 1 ff.) war es der französische Linguist Antoine Meillet, der im Jahre 1912 mit seinem bahnbrechenden Artikel "L'evolution des formes grammaticales" als erster den Terminus 'grammaticalization' (ebd.: 133) einführte, dabei drei Wortklassen unterschied ("mots principales", "mots accessoires" und "mots grammaticales"), Theorien, Prinzipien und Prozesse (z. B. Gabelentz Theorie der 'Agglutination') der Grammatikalisierung ausformulierte und den Begriff 'Grammatikalisierung' somit in der Linguistik terminologisch wie inhaltlich etablierte. Drei Jahre später folgte ein weiterer einflussreicher Artikel zur Entwicklung der Konjunktionen ("Le renouvellement des conjonctions").

Lehmann (1995 und Weiteres) hat im Anschluss daran die Grammatikalisierungsforschung weiter entwickelt und relevante Parameter zur näheren Beschreibung grammatischer Wandlungsprozesse näher festgelegt (vgl. nachfolgende Schaubilder, entnommen von: Lehmann):


Lehmann-Parameter der Grammatikalisierung.JPG

Lehmann-Grammatikalisierungsprozesse nach Parametern.JPG


Wegener (1998) hingegen sieht drei abbauende Prozesse (Verlust an phonologischer, semantischer wie syntaktischer Substanz) als wesentlich an und führt aus, dass sie weitere Grammatikalisierungsparameter (z.B. nach Lehmann 1995: 121 ff. oder Diewald 1997: 21 ff.) "als Folgeerscheinungen dieser drei grundlegenden Prozesse" erachtet (vgl. ebd.: 38). "So führt Verlust an phonologischer und semantischer Substanz zu einem höheren Grad an Paradigmatizität. d. h. zur festeren Einbindung in kleinere, schließlich geschlossene Paradigmen (z.B. Bewegungsverben -> Hilfsverben) und damit zu größerer Distribution [...] und u. U. zu Obligatorik (Tempusmorpheme vs. Tempusadverbien, Artikel vs. Demonstrativpronomen). Der Verlust an syntaktischer Freiheit führt zu syntagmatischer Kohäsion oder Fügungsenge, schließlich zur Klitisierung und Affixierung (Demonstrativpronomen haben freie, Artikel eine feste Position, Tempusmorpheme sind nicht abtrennbar)." (ebd.). Auf aus ihrer Sicht "problematische Kriterien" wie Skopus (Verlust an syntagmatischer Reichweite) und Verlust bzw. Zunahme an pragmatischer Bedeutung geht die Autorin in Bezug auf spezifische Ausdrücke im zweiten Teil ihres Artikels ein (s. u.) (vgl. ebd.).

Teilweise in Opposition, aber zum Teil auch ergänzend zum Grammatikalisierungskonzept ist der Ansatz der funktionalen Etymologie und der Feldtranspositionen (Ehlich 1994) zu erwähnen. In diesem Konzept wird davon ausgegangen, dass ein funktional-semantischer Kern einzelner sprachlicher Ausdrücke, die in funktionalen Feldern verortet werden, existiert, der eine gewisse Stabilität von Verwendungen einzelner Ausdrücke ermöglicht. Gleichwohl erlaubt dieser Sachverhalt im Zusammenhang mit auf soziohistorischer Entwicklung basierendem sprachlichem Wandel - und diesbzgl. ebenfalls angenommenen semantischen Ausbleichungen - Feldtranspositionen (vgl. auch Redder 2005) oder funktionale Felderweiterungen.

Verdienstvolle Arbeiten stammen vor allem auch von Traugott/Heine (1991) und Abraham (1991) (Lit. vgl. unten). "Beispiele für Grammatikalisierungsprozesse sind der Übergang von Vollverben unterschiedlicher Semantik, z. B. Bewegungsverben zu Futur-Hilfsverben im Englischen und Französischen, aber (noch) nicht im Deutschen, die Umwandlung von konkreten Verben in der Bedeutung 'erhalten' zu Passivauxiliaren im Englischen und Deutschen, der Übergang von Demonstrativpronomen zu Artikeln in den romanischen und germanischen Sprachen." (Wegener 1998: 37).

Weiterführende und anknüpfende Untersuchungen finden sich in zahlreicher Weise. Als Beispiel sei hier der Artikel von Sabine Wilmes (2007): "Zur Gretchenfrage der Funktionalen Pragmatik. Ein Versuch zur Einordnung der Modalverben in die Feldtheorie" genannt, in dem sie a) die generelle Frage aufwirft, inwiefern die Modalverben im Sinne der Feldertheorie konkret zu verorten sind (spezieller hinsichtlich der Frage Symbolfeld vs. Operationsfeld), und ob b) die Modalverben im Sinne von Grammatikalisierungs- bzw. Feldtranspositionsprozessen "auf dem Weg vom Symbolfeld ins Operationsfeld" seien, da sie bzgl. der ersten Fragestellung "sowohl Kennzeichen des symbolischen als auch des operativen Feldes aufweisen" und hinsichtlich der zweiten Fragestellung gemessen an den Lehmannschen Parametern durchaus Kennzeichen eines solchen Übergangs aufzeigen würden (vgl. ebd.: 112). Der Übergang von lexikalischer zu eher grammatischer Funktionsebene sei (trotz nicht-klitisiertem Vorkommen) besonders bei den so genannten inferentiellen Verwendungsweisen zu erkennen und die hohe syntagmatische Variabilität spreche ebenfalls tendenziell dafür (vgl. ebd.). In Bezug auf die anderen Parameter (Skopus, Integrität, paradigmatische Kohäsion bzw. Variabilität) ist laut Wilmes hinsichtlich der inferentiell verwendeten Modalverben auch eine Tendenz zur operativen Funktionalität gegeben (vgl. ebd.: 113 ff.).

Neueste Untersuchungen von Diewald (2007) versuchen den Bogen zur Konstruktionsgrammatik zu schlagen. In der Einführung zum Konzept der Konstruktionsgrammatik (Fischer/Stefanowitsch 2007) findet sich ein Artikel mit dem Titel "Konstruktionen in der diachronen Sprachwissenschaft", in dem die Autorin darlegt, inwiefern "Konvergenzpunkte zwischen der Konstruktionsgrammatik und der diachronen Sprachwissenschaft" (ebd.: 2) bestehen. Insbesondere wird dabei die Möglichkeit diskutiert, Grammatikalisierungskontexte als Konstruktionen zu fassen sowie damit verbundene Probleme. Diewald untersucht mögliche Bezüge von Modalverben und diebzgl. spezifischen "Konstruktionen" im Sinne der Konstruktionsgrammatik und deren Zusammenhänge zu Grammatikalisierungsprozessen. Ziel dabei ist es, die diffizilen Zusammenhänge von Sprachwandel bzw. Grammatikalisierung und konstruktionsgrammatischen Konzepten in beiden Richtungen besser beschreiben zu können und in Bezug auf die Grammatikalisierung die Bildung eines neuen dreistufigen Modells der typischen Abläufe solcher Prozesse in Bezug auf prototypische Kontexttypen zu kreieren. Mit den Worten der Autorin besteht das übergeordnete Ziel somit darin, "ein Modell der Stadien von Grammatikalisierungsprozessen [zu entwerfen], das einerseits alle für den zu untersuchenden Wandel nötigen Informationen darstellen kann, das jedoch andererseits nicht dazu zwingt, diachronen Daten überspezifizierte, nicht verifizierbare Analysen zuzuweisen." (Diewald 2007: 79). Grammatikalisierung wird dabei als komplexes Phänomen des Sprachwandels beschrieben, was sich durch Betroffenheit aller linguistischer Ebenen ("Verlust an Autonomie auf allen Ebenen der linguistischen Struktur und durch Erwerb grammatischer Funktionen verbunden mit der Integration in den grammatischen, regelgesteuerten, paradigmatischen Bereich der Sprache", ebd.: 81) von anderen Arten der Sprachwandlung abgrenzt. Davon ausgehend wird gefolgert: "Um diesen Prozess zu beschreiben, ist ein Rahmen erforderlich, der die Kontextgebundenheit bzw. Konstruktionsgebundenheit an zentraler Stelle mit einbezieht. Entsprechend wurde in der Forschung immer wieder hervorgehoben, dass bei Grammatikalisierungsvorgängen nicht nur ein isoliertes Formativ betrachtet werden darf, sondern dass der jeweilige linguistische und außerlinguistische Kontext - Konstruktionen im nicht-technischen Sinn - in verschiedenen Phasen des Grammatikalisierungsprozesses von eminenter Wichtigkeit ist." (ebd.: 81 f.).

Sie kommt aufgrund Ihrer Untersuchungen zu nachstehendem dreistufigen Kontexttypenmodell:

Phasenmodell von Kontexttypen in Grammatikalisierungsprozessen (Diewald 2007: 82)

Grammatikalisierung im Deutschen

Grammatikalisierung sprachlicher Elemente oder Phänomene hat in der deutschen Sprache in verschiedenen Segmenten und in unterschiedlichen Prozessen und Zeiträumen stattgefunden. Im Sammelband von Leuschner et al. (2005) finden sich bspw. folgende Beiträge (vgl. ebd.):

  • zum nominalen Sektor:

- Derivation als Grammatikalisierungsbrücke für den Aufbau von Genusdifferenzierungen (Leiss)
- Gender Systems and Grammaticalization (Duke)
- Gestalt Derivation in German (Lightfoot)
- Revisiting the Affixoid Debate: On the grammaticalization of the word (Stevens)
- Grammatikalisierung und De-/Regrammatikalisierung der deutschen Pluralmarker (Wegener)
- Klitisierung von Präposition und Artikel als "Grammatikalisierungsbaustelle" (Nübling)

  • zum verbalen Sektor:

- Zur Grammatikalisierung von Präpositionalobjekten (Rostila)
- Ist jedes grammatische Verfahren Ergebnis eines Grammatikalisierungsprozesses? (Van Pottelberge)
- Hilfsverben und Grammatikalisierung (Gaeta)
- Grammatikalisierung und Persistenz im deutschen Rezipienten-Passiv (Askedal)
- Die Entwicklung von werden + Infinitiv als Futurgrammem (Diewald und Habermann)
- Doppelte Perfektformen und Grammatikalisierung im deutschen Tempussystem (Ammann)

  • zum Sektor "Zwischen Grammatik und Diskurs":

- Irrelevanzkonditionalen als grammatikalisierter Diskurs (Leuschner)
- Grammatikalisierung von Modalpartikeln. Das Beispiel 'eben' (Autenrieth)
- Entstehung von Diskursmarkern - ein Fall von Grammatikalisierung? (Auer und Günthner)

Zum Zusammenhang von Grammatikalisierungsprozessen und Wortarten ist der Sammelband von Knobloch/Schaeder (2005) zu empfehlen:

"Dieser Sammelband eröffnet eine Debatte über das Verhältnis zwischen Grammatikalisierungsprozessen und Wortartensystemen. Im Zentrum steht die Frage, wie sich diachrone Grammatikalisierungsprozesse und synchrone Grammatikalitätshierarchien zur lexikalisch-grammatischen Kategorialisierung des Wortbestandes in natürlichen Sprachen ( Wortartensystemen) verhalten. Während das Wortartensystem üblicherweise bloß als externes Bezugssystem für Grammatikalisierungsprozesse betrachtet wird, wird in den Beiträgen dieses Bandes nach der Grammatikalisierung der Wortarten selbst (in Sprachsystem und Spracherwerb) gefragt." (http://www.buecher.de/shop/Buecher/Wortarten-und-Grammatikalisierung/Knobloch-Clemens-Schaeder-Burkhard-Hgg-/products_products/detail/prod_id/15062921/)

Die Untersuchungen zeigen, dass vielfältige Phänomene von Grammatikalisierung in der deutschen Sprache nachzuweisen sind. Zudem ist nach wie vor eine offene Frage bzw. Diskussion, inwiefern Grammatikalisierung nicht auch umkehrbar zu betrachten ist (Stichworte: Degrammatikalisierung oder Pragmatikalisierung bzw. Feldtranspositionen bzw. Funktionale Etymologie (nach Ehlich 1994) als mehr funktional-orientierte Alternative).

Grammatikalisierung von Modalpartikeln

In Bezug auf die Grammatikalisierung von Modalpartikeln werden hier in Kürze die Aussagen von Diewald (1997), Wegener (1998), Molnar (2002) und Authenrieth (2005) zusammengetragen.

Diewald (1997) beschreibt die Grammatikaliserung von Modalpartikeln anhand von Fallbeispielen (ja, etc.). Dabei werden etymologische Bezüge berücksichtigt und es wird von einer Kernbedeutung pro Partikel ausgegangen. Durch die Beschreibung des pragmatischen Prätextes, der als Relationsbasis der Modalpartikeln (gemeint sind die Abtönungspartikeln) genannt wird, kommt Diewald zu überzeugenden Aussagen hinsichtlich der Beziehung von Modalpartikeln und Implikaturen bzw. Präsupposotitonen, sprich ihrer Beziehung zum Wissen oder zu spezifischen Wissensstrukturen (je nach Ko-/Kontext) der Interaktanten.

Wegener (1998) merkt an, dass in Bezug auf die allgemeine Definition von Grammatikalisierung auf den ersten Blick nicht klar ersichtlich sei, dass es sich bei Modalpartikeln bzw. Abtönungspartikeln um grammatikalisierte sprachliche Elemente handle. "Modalpartikeln gelten als [semantisch und syntaktisch] fakultativ, sind noch volle Lexeme und scheinen von daher weit davon entfernt, den Status von grammatischen Morphemen zu haben." (ebd.: 38). Die Verfasserin nennt (wie oben erwähnt) drei Hauptprozesse der Grammatikalisierung (nach Lehmann 1991), die sie auch für die Entwicklung der Modalpartikeln als relevant erachtet (vgl. ebd.: 37):

  • G1: Verlust an phonologischer Substanz (tendenziell sicher richtig; aber es gibt auch betonte Abpn, die entweder als betonte Dubletten (vgl. Weydt 1986) oder als eigene formale wie (dadurch bedingt) auch funktionale Subkategorie bzw. funktional eigenständige Variante (vgl. Hoffmann 2008 zu betontem ja) angesehen werden)
  • G2: Verlust an semantischer Substanz (semantic bleaching, zunehmende Abstraktion, mehr Funktionalitätsspielraum für gramm. Funktion/en)
  • G3: Verlust an syntaktischer Freiheit (Mittelfeldzentrierung, Bindung an best. Satzmodi, spezifische Funktionalität im Mittelfeld; "Teilung des Mittelfeldes", vgl. Diss. Schulz 2009)

Dies zeigt sie anhand verschiedener Beispiele (hauptsächlich denn, Bsp. aber auch zu vielleicht, eben, ruhig, eigentlich, mal, eh, aber), bei denen die Modalpartikeln ihren Heterosemen (Konjunktionen/Adverben) gegenübergestellt werden, für alle drei Prozesse auf (vgl. ebd.: 38-44). In Anlehnung an Traugott (1988), die drei Stadien/Parallelprozesse "semantisch-pragmatischer Tendenz" in Grammatikalisierugsprozessen aufgezeigt hat, argumentiert Wegener ebenfalls für eine "pragmatische Verstärkung" hinsichtlich der Funktionalität der Modalpartikeln, die mit den Grammatikalisierungsprozessen einhergeht und führt einen vierten Prozess an, der eher sprechakt- und wissensbezogen ist. Der Beitrag schließt mit einer ausführlichen Studie zum Grammatikalisierungsverlauf des Ausdrucks denn.

"Trotz der unbestreitbar zu konstatierenden Grammatikalisierungsprozesse G1-G3, in denen Verlust zu beobachten ist, zögern wir aber, Modalpartikeln als so etwas wie grammatische Morpheme zu betrachten. Die MP-Forschung hat in zahlreichen Untersuchungen gezeigt, dass diese Lexeme zwar keine oder wenig referentielle Bedeutung haben, daß sie aber illokutive Funktion bzw. metakommunikative Stärke haben und daß ihr Skopus nicht geringer ist, sondern größer ist als der von Adverbien. Traugott 1988 weist nun darauf hin, daß bei Grammatikalisierung nicht nur ein Verlust zu beobachten ist, sondern gleichzeitig ein Zunehmen an illokutiver/epistemischer/pragmatischer Stärke (pragmatic strengthening). [...]. Folglich ist ein vierter Grammatikalisierungsprozeß vorzusehen: G4: Gewinn an pragmatischer/illokutiver/metakommunikativer Stärke." (ebd.: 43; Herv. JS).

Molnars (2002) Beitrag gliedert sich in drei Teile. Sie beschreibt im ersten Teil den theoretischen Hintergrund, Konzept und Methodik der Grammatikalisierungsforschung. Darauf folgen Fallstudien zu einzelnen Partikeln (eben und wohl, denn, wohl separiert bzgl. Entwicklung, schon, ja, doch) die in ihrer historisch-grammatischen Entwicklung(sdynamik) von Adverbien zu Partikeln bspw. anhand der Reformationsdialoge oder auch historischer Grammatiken beleuchtet werden. Es folgen Ergebnisse und Schlussfolgerungen.

Sie kommt zu dem Ergebnis, dass sich im Vergleich zu bestehenden Aussagen der Grammatikalisierungsforschung bzgl. der Grammatikalisierungsursachen, -umstände und -wege neue Aspekte konstatieren lassen (vgl. ebd.: 119 ff.):

  • Korrektion in der Datierung der MP-Entstehung

Durch die Belege für Partikelfunktionalität von ja, wohl und schon muss ein Vorkommen bereits im 15./16. Jahrhundert angenommen werden ("Vordatierung"). Der Ausdruck denn käme als (Modal-)Partikel erst später vor als bisher angenommen ("Nachdatierung") (nicht schon im 11. Jhd. als MP, da seltene Vorkommen (erst) im 16. Jhd. zu konstatieren seien und früher eher die konjunktionale Funktion überwog). Interessant ist die Feststellung, dass denn in frühen Verwendungen um das 11. Jhd. mehr konnektiv verwendet wurde deshalb, da sie laut Molnar auch Aufschlüsse zum generellen Grammatikalisierungsverlauf bietet. "Daß die konjunktionale Funktion älter als die MP-Funktion ist, steht auch im Einklang mit den allgemeinen Prinzipien der Grammatikalisierung, es kommt ja kaum vor, daß pragmatische Inhalte (durch die MP) früher kodiert werden als logische (durch die Konjunktion)." (ebd.: 119). Für wohl (als modalisierender Hypothesenfunktor) sei ebenfalls eine Korrektur der Datierung von Nöten, denn im Gegensatz zum Grimmschen Wörterbuch, das den Ausdruck in dieser Funktionalität erst im 19 Jhd. verortet und auch den Angaben in Paul/Henne (1561 erster Beleg), konstatiert Molnar diesbzgl. wohl-Belege aus den Reformationsdialogen (1520-1525) (vgl. ebd.).

  • Neu formulierte Bedeutungsangaben nach dem minimalistischen Prinzip

Molnar geht von einem bedeutungsminimalistischen Prinzip bei Modalpartikeln aus. Das heißt, sie ist der Meinung , überwiegend einen Bedeutungskern oder ein semantisches Minimum bei den relevanten Ausdrücken ausfindig und festmachen zu können. "Die Erfassung des Bedeutungsminimalismus ist nicht leicht, es kann immer nur auf einer hohen Abstraktionsebene formuliert werden." (ebd.: 120). Mit Ausnahme des Ausdrucks wohl führt sie für alle von ihr in den Fallstudien untersuchten Ausdrücke eine Rekonstruktion der Kernbedeutung an (vgl. ebd.).

  • Neue Antworten auf die warum-Frage der Grammatikalisierung von einigen MP

Anhand ihrer Untersuchungsergebnisse schlussfolgert Molnar auf mögliche neue Ursachen für Grammatikalisierungsverläufe und -prozesse und führt verschiedene Annahmen aus. So nimmt sie bspw. hinsichtlich des Bedeutungswandels des bestätigenden wohl in Richtung vermutungsanzeigendes wohl an, dass die gehäuften kollokativen Vorkommen mit mögen (oder evtl. auch mit werden) einen Ausschlag gegeben haben. Dies begründet sie aus dem Zusammenhang, dass epistemisch verwendetes mögen (nachgewiesenermaßen) den gleichen Verwendungsrestriktionen unterläge wie der Ausdruck wohl und daher der Hypothesenfunktor wohl "wahrscheinlich durch die Konventionalisierung der Kontextmerkmale entstanden" sei. (vgl. ebd.: 121; Herv. JS).

Ihr Fazit: Neue methodische Herangehensweisen seien erforderlich, um noch weiter zu kommen im Erkenntnisstand.

Autenrieth (2005) konstatiert im Hinblick auf die Grammatikalisierung von Modalpartikeln ebenfalls, dass es zwar nicht offensichtlich sei, dass selbige im Rahmen einer Grammatikalisierungstheorie näher oder adäquat erklärt oder behandelt werden könnten, es aber durchaus profitabel und passend erscheint, sie (ähnlich wie Wegener 1998) in einem weiteren Verständnis von Grammatikalisierung zu untersuchen, da sie in Bezug auf ihre wortartbezogenen Counter-Parts oder Entsprechungen "heterosemic relations (cross-category semantic relations)" aufzeigen und in komplexer Weise mit den drei "semantic-pragmatic-tendencies" (vgl. bspw. Traugott/König 1991) korrespondieren würden (vgl. ebd. 309). Am Beispiel des Ausdrucks eben wird dargelegt, wie die historische Rekonstruktion der semantischen Relationen zu einem passablen Ergebnis hinsichtlich der Funktionalitätsentwicklung und -erklärung führen kann. "The example of the lexeme eben shows that there are class-specific grammaticalization patterns for modal particles that can be demonstrated by persuing the diachronic trace of those heterosemic relations." (ebd.). Als Überprüfungskriterien bzw. (nach Lehmann 1985: 307 f.) ausgewählte Parameter selektiert Autenrieth die folgenden (vgl. ebd.: 312):

  • semantische und phonologische Abnutzung (+ MP)
  • Paradigmatisierung: Zunehmende Gebundenheit an eine Wortart bzw. Bildung einer neuen syntaktischen Klasse (+ MP)
  • Kondensation: Verengung des Skopus von beliebig komplexen Elementen auf einzelne Wörter oder einen Wortstamm. (- MP)
  • Obligatorisierung: Entwicklung von freier Wählbarkeit eines Elementes hin zur obligatorischen Setzung. (-MP)
  • Koaleszenz: Tendenz vom Status eines freien Morphems zu dem eines gebundenen Morphems (-MP)
  • Fixierung: Verlust von freien Wortstellungsmöglichkeiten zugunsten einer festen Positionierung im Satz (+ MP)

Sie kommt zu dem Ergebnis


  • Fazit: Alle Untersuchungen sehen ...

Fazit

Die Grammatikalisierungsforschung ist für die Linguistik im Allgemeinen wie für die Partikologie im Speziellen eine ertragreiche und fruchtbare Forschungsrichtung, deren Ergebnisse die Entwicklung von sprachlichen Elementen und insbesondere auch von Partikeln in nuancierterweise aufzeigen können. ...

Autor: Jochen Schulz

Literatur

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Fischer, Kerstin / Stefanowitsch, Anatol (Hrsg.) (2007): Konstruktionsgrammatik. Von der Anwendung zur Theorie. Überarbeiteter Nachdruck der ersten Auflage 2006. Tübingen: Stauffenburg

Fritz, Gerd (2006): Historische Semantik. 2., aktualisierte Auflage. Stuttgart: Metzler

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http://www.uni-erfurt.de/sprachwissenschaft/personal/lehmann/ling/lg_system/grammar/morph&syn/Lexikalisierung&Grammatikalisierung.html http://www.uni-erfurt.de/sprachwissenschaft/personal/lehmann/ling/wandel/Grammatikalisierung.html

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Traugott, Elizabeth-Closs / Heine, Bernd (Ed.) (1991): Approaches to Grammaticalization. Volume II. Focus on types of grammatical markers. Amsterdam/Philadelphia: John Benjamins

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Wilmes, Sabine (2007): Zur Gretchenfrage der Funktionalen Pragmatik. Ein Versuch der Einordnung der Modalverben in die Feldtheorie. In: Buscha, Joachim / Freudenberg-Findeisen, Renate (Hrsg.) (2007): Feldergrammatik in der Diskussion. Frankfurt am Main: Lang, S. 107-115 (Reihe: Sprache - System und Tätigkeit 56)