Smarter Stories - Lese- und Medienförderung in städtischen Bildungsnetzwerken

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Projektbeschreibung

Seit dreieinhalb Jahren fördert die Stadt Dortmund – beginnend bei Kindern im Kita-Alter bis in die Schule/OGS – integrierte Lese- und Medienarbeit, um der Bildungsschere entgegen zu wirken, die sich in den Bereiche der literarischen und medialen Sozialisation bereits vor Schulbeginn zeigt. Mehr als 450 Kinder und ihre Familien wurden so inzwischen erreicht. Ebenso konnten ca. 50 Mitarbeiter/-innen der städtischen Bildungsinstitutionen auf freiwilliger Basis medienpädagogisch fortgebildet werden.

Die begünstigten Einrichtungen kamen dabei fast ausschließlich aus dem Dortmunder Norden, der starke Bildungsbenachteiligungen aufzeigt. Über 65% der dort lebenden Menschen haben eine Zuwanderungsgeschichte (vgl. Dortmund Statistik 2013), die vor allem Kinder sozial besonders herausfordert (Vgl. Diefenbach 2010,Becker 2011, Ekinci et. al. 2013)). Die Schwierigkeiten betreffen nicht nur unmittelbar die sprachliche Sozialisation, sondern setzen sich im Bereich der medialen und allgemeinen Lesesozialisation fort (Wieler, 1997). Die Ergebnisse der bisherigen Forschungsbegleitung haben ergeben, dass sich die elterliche Einflussnahme auf das Lese- und Medienverhalten bei Kindern mit und ohne Zuwanderungsgeschichte deutlich unterscheidet und darüber hinaus auch noch geschlechtsspezifische Unterschiede auffallen – und zwar in Familien ohne Zuwanderungsgeschichte anders verteilt als in Familien mit mehrkulturellem Hintergrund (Marci-Boehncke/Rath 2014). Unser Bildungssystem ist auf die Berücksichtigung solcher unterschiedlicher Sozialisationsbedingungen noch nicht optimal eingestellt. Obwohl der Anspruch besteht, inklusive Bildung zu gestalten, bleiben vielfältige Benachteiligungen aufgrund unterschiedlicher Lebenslagen bestehen, ja, sind noch nicht mal in jeder Hinsicht erforscht.

Das bisherige Projekt „Medienkompetent zum Schulübergang“ in Dortmund konnte in den vergangenen drei Interventionszyklen rund 400 Familien erreichen und eine Teilgruppe von Kindern sogar über mehrere Jahre mit Medienbildungsmaßnahmen fördern. Jenseits messbarer technischer Kompetenzen, die die Kinder zeigen, besteht die Annahme, dass geförderte Kinder ein selbstreflexiveres Medienverhalten entwickeln als Kinder, die ausschließlich unbegleitete Rezeptionsangebote erhalten, statt produktiv mit Medien zu gestalten. Der Übergang in die Schule hat den Kindern mit den Erfahrungen zur Schriftsprache nun ein neues Symbolsystem erschlossen, das zu beherrschen auch und gerade in unserer mediatisierten (vgl. Krotz 2001) Welt von zentraler Bedeutung ist. Lesen und Mediennutzung sind und bleiben in der Biographie von Kindern im weiteren eng verknüpft: Lesen geschieht immer auch in den Medien, Mediennutzung ist ohne Lesekompetenz nicht möglich. Auch der kreative Umgang mit Medien zur Gestaltung von eigenen Texten und Geschichten – und nicht zuletzt auch dazu, die eigene Identität zu modellieren – wird die weitere Biographie der Kinder bestimmen.

Ziele des Projekts

Das hier vorgestellte Projekt „Smarter Stories“ soll die begleitete Lese- und Medienförderarbeit der Kinder und des Erziehungspersonals in Dortmund auch in die Schulen hinein fortsetzen und vor allem dadurch in der Lese- und Medienbiographie der Kinder verstetigen, dass ein neuer Bildungspartner hinzu gewonnen wird, der die Kinder potentiell lebenslang flankieren und einen stabilen Lese- und Medienhabitus unterstützen kann: die Bibliothek. Als zentrale Institution für Lesen und Medien und gerade in Dortmund mit Bekenntnis zum Erhalt von Stadtteilzweigstellen bietet sie Kindern in ihrem erweiterten Lebensumfeld einen Treff- und Arbeitspunkt und ist Anlaufstelle für soziale Kontakte. Gerade für Kinder aus sozial prekären Lebenssituationen wirkt die Bibliothek stabilisierend. Durch lese- und medienfördernde Angebote in Kooperation mit den anderen Bildungsinstitutionen Kita und Schule/OGS kann sie zum lebenslangen Bildungsort für Menschen der Region werden. Die Kooperationen zwischen den genannten Institutionen bestehen bereits. Das Projekt „Smarter Stories“ nutzt nun einerseits bestehende Kooperationsverträge, erweitert aber andererseits das Netz durch weitere Initiativen. Darüber hinaus wird dem bildungspolitisch wichtigen Thema der gemeinsamen Bildungsverantwortung (public value) und der kommunalen Vernetzung von Bildungspartnern in besonderer, inhaltlich definierten und zugleich evaluierten Form Rechnung getragen. Denn die Kooperationen sind nicht nur möglich und gewünscht, sondern sie werden in Smarter Stories auch proaktiv inhaltlich gefüllt und evaluiert.

Durchführung

Studierende der TU begleiten in Praktika die Bildungsverantwortlichen in Kita und OGS bzw. unterstützen das bisher lese- und mediendidaktisch nur wenig geschulte Bibliothekspersonal. Für diese Funktion erhalten die Studierenden an der TU Dortmund eine besondere Vorbereitung, sind dabei auf Literaturpädagogik im Studium spezialisiert und können diesen Schwerpunkt daher besonders akzentuieren. Diese Kompetenzerweiterung wirkt natürlich auch über „Smarter Stories“ hinaus, z.B. in andere Schulpraktika durch die Studierenden an Dortmunder Schulen. Dadurch wird in Schulen im Dortmunder Bereich eine besondere Aufmerksamkeit für Leseförderung gelegt, so dass erwartet werden kann, dass Kooperationen mit der Bibliothek zukünftig in deutlich verstärktem Maß auch aus anderen als den Projektschulen und –einrichtungen nachgefragt werden.

Basierend auf dieser Vorbereitung zu integrierter medialer und literarischer Bildung begleiten die Studierenden die Kinder/Jugendlichen und ihr Bildungspersonal jeweils als „Coach“, der sowohl vermittelt als auch unterstützt und dabei selbst mit lernt. Alle drei Partner – Kinder/Jugendliche, Pädagogen/Betreuer/Lehrer und die Studierenden - arbeiten und lernen dabei partizipativ: sie bringen ihre Kompetenzen ein und profitieren zugleich von der Erfahrung und den Kompetenzen anderer. Der reflektierte und motivierte Umgang mit Geschichten und Medien, die Stabilisierung einer positiven persönlicher Lesehaltung und kreativer Medienkompetenz stellen die Ziele dieses Teils der Initiative dar, der sich als Fortsetzung und Verstetigung der letzten drei Jahre „KidSmart“ versteht. Von besonderer Bedeutung für diese Verstetigung ist der Weg hinaus aus den formalen Bildungsinstitutionen in das private Lebensumfeld. Erst dadurch können erworbene Haltungen im Privaten etabliert und im individuellen Habitus verankert werden. Dies soll verhindern, dass Lese- und Medienpraxen nur temporär genutzt und rein schulisch-institutionell besetzt werden. Für die Bildungsbiographie von Kindern – gerade aus bildungsherausgeforderten Milieus – sind solche betreuten und angeleiteten Habitualisierungsprozesse zentral. Denn viele Familien haben nicht die Möglichkeiten, ihren Kindern positive Lese- und kreative Medienerfahrungen zu vermitteln. Das Dortmunder Bildungsnetzwerk erweitert deshalb in der Initiative „Smarter Stories“ seine koordinierten Lese- und Medienunterstützungsinterventionen und nimmt weitere Partner auf, ohne die Arbeit in den anderen Institutionen zu vernachlässigen. Es wird auch in„Smarter Stories“ weiterhin der erste Jahrgang der Kinder des KidSmart-Projekts begleitet und es werden ebenso die nachfolgenden Jahrgänge in den Einrichtungen Kita und OGS angesprochen. Die Initiative „Smarter Stories“ wird dabei ebenfalls, wie schon bisher KidSmart, über ein trianguliertes Verfahren unter Berücksichtigung der Bildungspartner evaluiert.

  • Das Projekt wird gefördert von der Stadt Dortmund (Familienprojekt/Schulamt) und der Gesellschaft für Medienbildungsforschung e.V.
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