Renate Kühn

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Mit Frau Professorin Renate Kühn verliert unser Institut eine weltgewandte Dame im besten Wortsinn, die sich gleichermaßen durch unbedingte Kollegialität, Diskretion, trockenen Humor und Stil auszeichnete, der sich französischer Eleganz und Lebensart verpflichtet wußte, gerade auch beim Lesen. Mit Roland Barthes und der Tel Quel-Gruppe, der sie ihre 1975 erschienene Dissertation gewidmet hatte, teilte sie die unerschütterliche Überzeugung, daß die „Lust am Text“ seinem gleichmütigen Wiederkäuen entspringt, das heißt „nichts verschlingen, nichts verschlucken, sondern weiden, sorgsam abgrasen“. In diesem Sinne verstand sich Renate Kühn als Lehrerin des langsamen Lesens. Um dessen höchste Tugenden, philologische Sorgfalt und Genauigkeit, zu üben, stellte sie sich mit scharfsinnigem Langmut und unerschöpflicher Geduld der denkbar größten Herausforderung: experimenteller Lyrik der (Wiener) Moderne im allgemeinen (Der poetische Imperativ. Interpretationen experimenteller Lyrik, 1997), ihrer Spielform des Anagramms, dessen Archäologie sie gleichzeitig betrieb, im besonderen (Das Rosenbaertlein-Experiment. Studien zum Anagramm, 1994, beide im Bielefelder Aisthesis Verlag, dem sie aufs engste verbunden war). Ihr letztes großes, noch zum Abschluß gebrachtes langjähriges Projekt galt der „Anthropomorphen metapoetischen Metaphorik im Kontext des biologischen Modells von Autorschaft“, das heißt der Frage, wie es kommt, daß Autoren glauben, mit ihren Werken ‚schwanger zu gehen‘. Zwei sich gegenseitig beflügelnde Umstände bringen dabei ihr Selbstverständnis als vermittelnde Grenzgängerin zwischen Deutschland, Österreich und Frankreich und zwischen der Literaturwissenschaft und den Autorinnen und Autoren von Literatur unmittelbar zum Ausdruck: nicht nur, daß Renate Kühn experimentelle deutschsprachige Lyrik u. a. von Helmut Heißenbüttel, Ernst Jandl, Friederike Mayröcker oder Oskar Pastior ins Französische übersetzte, das sie gleichermaßen stilsicher beherrschte wie das Deutsche; sie war, wie ihre umfangreiche Korrespondenz dokumentiert, mit diesen Autoren auch persönlich vertraut. Zuletzt konnte sie Gerhard Rühm, „die mutter der wiener gruppe“ (so deren „onkel“ Ernst Jandl in seinem Gedicht über „verwandte“ 1989), mehrfach für sehr gut besuchte Symposien und Lesungen in Dortmund gewinnen. Das Memento mori von Renate Kühn, die mit Leidenschaft auch über Barock unterrichtete, war ein Schädel in ihrem Arbeitszimmer, den sie mit ihrem unnachahmlichen, literaturhistorisch geschulten Witz nach dem Totenkopf, der den grünen Heinrich auf seinen Wanderungen begleitete, auf den Namen Albertus Zwiehan taufte. Sie sprühte vor jugendlicher Lebensfreude, wenn sie von ihren stillen, oft genug gelehrten, manchmal kalauernden Zwiegesprächen mit diesem stummen Gegenüber berichtete, während ihr der Kater Theobald Tiger um die Beine strich. Um so mehr wird sie uns, die sie durch belebende Gespräche und ihre stete Beharrlichkeit unablässig mit Mut und neuer Zuversicht in unsere eigene Arbeit erfüllte, fehlen.

Martin Stingelin, 21. Februar 2016