Loriot-Abstract

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Die anonymisierte Beliebigkeit des Vicco von B.: Zu Chaos und Ordnung in Loriots Agfa-Werbung

Dr. Claudia Sassen, Technische Universität Dortmund
Ende der 1960er Jahre gestaltete Loriot für die Agfa-Gevaert ein Werbebrevier von siebzehn monochromen Cartoons, die Foto- und Filmprodukte für den ernsthaften Amateur bewarben. Seine knollennasigen Akteure haben eindeutig in denselben, recht überschaubaren Genpool gegriffen: Beiderlei Geschlecht verfügt über ein ausgeprägtes Philtrum, fliehendes Kinn und schütteres Haupthaar, das das Styling nicht lohnt. Der allgemein fehlende Liebreiz im Antlitz der Beteiligten erklärt sich daraus, dass alle Männer Männer sind und alle Frauen verkleidete Männer. Die Damen erhalten jedoch ein Alleinstellungsmerkmal über Protuberanzen, die häufig in der hügeligen Hintergrundlandschaft fortgeführt sind, und den eine sanitäre Grundhaltung erzeugenden Beinknick. Loriots Welt gleicht zunächst einer vorbildlich gefliesten Idylle, in der „Wirtschaftsprüfer Karl-Heinz L. und seine [namenlose] Verlobte“(1), jeweils in das Objektiv des anderen filmend, nahezu elfengleich über eine krümelfrei gewartete Blumenwiese schweben. Mit sämtlichen folgenden Cartoons zeigt Loriot uns Wege aus dieser Idylle – und: wieder in sie hinein. Denn fortan wird seine Welt durch den konsequent-bornierten Einsatz des Agfa-Produktes ins slapstickhafte Chaos gestürzt. Die entsprechende Bildunterschrift in euphemismenhafter „Katalogsprache“(2), die an Zwischentitel im Stummfilm erinnert, setzt diese chaotische Welt augenblicklich wieder auf Werkseinstellung zurück – oder bedeutet wenigstens den Versuch dessen: Während „Oberregierungsrat K. aus Dortmund“(3) beim Ski Alpin entblößt wird, filmt seine „Gattin“ dieses Ereignis mit dokumentarischem Eifer. Die Bildunterschrift ist bemüht, den Vorfall als „Fortschritte im Abfahrtslauf“ zu glätten und damit die Situation wieder gesellschaftsfähig zu machen. Auch die Verwendung des fotomechanischen Gerätes, das für ein zufriedenstellendes Ergebnis auf das vorübergehende Stillhalten des Subjekts oder das unbefangene Fortsetzen einer Handlung angewiesen ist, verfügt neben seiner chaosstiftenden Funktion gleichzeitig über ein ordnendes Moment.(4) Aus linguistischer und graphischer Perspektive soll das Verhältnis von Chaos und Ordnung und ihrer Zerstörung und Wiederherstellung betrachtet werden.

Quellen: 1 Loriot/Agfa (1969): Loriot beweist Ihnen…daß Sie mit Agfa Geschenken jedem eine große Freude machen können. Wiesbaden: Agfa-Gevaert. Druck D. 471-697/11388/136.
2 Neumann, Stefan (2011): Loriot und die Hochkomik. Leben, Werk und Wirken Vicco von Bülows, Trier: WVT, S. 278.
3 Loriot/Agfa (1969).
4 Vgl. Siemes, Reinhard (2009): Alles in Unordnung. Loriot und die Werbung, in: Cantz, Hatje: Loriot – Ach was! Dt. Kinemathek, Museum für Film und Fernsehen. Herausgegeben von Peter Paul Kubitz und Gerlinde Waz, S. 60-69.