Historie der Partikelforschung

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Diese Seite ist Teil des Partikellexikons und ein Beispiel für den Einsatz von Wikis im Sommersemester 2007.

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Im Laufe der geschichtlichen Auseinandersetzung mit den Partikeln ist es nicht gelungen, Partikel eindeutig zu klassifizieren und sie damit zu einem klar definierten und explizierten Bestandteil von Grammatik zu machen. Immer noch gibt es uneinheitliche Auffassungen von anzusetzenden Subkategorien, Klassifizierungskriterien, genauen Abgrenzungen gegenüber anderen Wortarten und zugehörigen Elementen.
Kärnä beschreibt in ihrem Werk zur Partikelhistorie (vgl. Kärnä 2000) die Methoden, die in der Vergangenheit zur Erfassung von Partikeln eingesetzt worden sind. Sie beschreibt, wie grammatische Gedanken des Altertums in die heutigen Grammatiken eingeflossen sind. Nach ihr fanden die ersten Überlegungen zur heutigen Wortart Partikeln im Rahmen der antiken Rhetorik statt. Sie sucht nach Erklärungen für die heutigen Auffassungen über die nicht flektierenden Wortarten in der Grammatik und zeigt zahlreiche Anknüpfungspunkte bei griechischen und römischen Grammatikern auf.
Diewald (1997) beleuchtet Grammatikalisierungsverläufe und Funktionsweisen von Modalpartikeln (gemeint sind die Abtönungspartikeln). Nach ihr haben selbige hauptsächlich eine „relationale Funktion“ in dem sie die Äußerung zu einem vorhergehenden oder implizierten Sachverhalt in Bezug setzen und damit (mithilfe der Partikel) die Sprechereinstellung zum Ausdruck bringen. Es sei von einem (meist implizierten) „pragmatischen Prätext“ auszugehen, auf den sich Partikeln beziehen.

Beispiele

Um die Bedeutungsentwicklung der Partikeln im Sinne der Grammatikalisierung näher zu beleuchten, werden im Folgenden nun drei Partikelbeispiele erläutert. Anhand dieser wird die geschichtliche Entwicklung von Partikeln aufgezeigt.


Beispiel 1: Nur

Die Partikel nur wird, zieht man Gelhaus (1995: 317) und Ickler (1994: 393) heran, als adversative Konjunktion, als Temporaladverb, als Fokuspartikel und als Modalpartikel verwendet. In der Modalpartikelfunktion ist nur mit bloß gleichzusetzen.
Bedeutungsentwicklung: Nur entstand aus der Negationspartikel mit Konjunktiv Präteritum von sein („nicht wäre“). Zunächst wird nur ausschließlich in Satzverbindungen mit einem entsprechenden Vordersatz verwendet. Dieser zeigt einen Gegensatz auf, auf den sich die Einschränkung des nur enthaltenden Satzes bezieht. Beispiel: "Du erkennst nichts anderes, außer was du nur siehst.“ Im weiteren Verlauf entwickelte sich nur zum Adverb und zur Gradpartikel, wie es heute in den Grammatiken zu finden ist. Somit konnte ab nun nur auch ohne explizite vorhergehende Negation als Einschränkung einer negativen Voraussetzung verstanden werden.
Nur als Modalpartikelverwendung zu gebrauchen, ist nach Paul/Henne (1992) seit dem 16. Jahrhundert belegt. Nur als ehemaliges Syntagma ist demnach zu einem einmorphemigen Partikellexem grammatikalisiert worden, welches von Beginn an restriktive Bedeutung hat. Es ist die einzige Partikel, die aus einem Syntagma entstanden ist. Es lässt sich abschließend beobachten, dass nur und bloß heutzutage auch als Partikeln mit ähnlicher Funktion verwendet werden, obwohl sie völlig verschiedene Spenderausdrücke haben. Der letzte Entwicklungsschritt dieser beiden Partikeln ist denselben Prinzipien wie die Entwicklung von den Grad- zu den Modalpartikeln gefolgt.

Beispiel 2: Halt

Die Partikel halt wird als Abtönungspartikel (auch Modalpartikel genannt) genutzt. Halt wird ähnlich wie eben verwendet, jedoch lässt sich eben immer durch halt ersetzen, aber nicht umgekehrt. Zudem lassen sich regionale Präferenzen in der Verwendung feststellen. Halt ist eher im süddeutschen Raum anzutreffen und eben im norddeutschen, wobei halt auch im Norden zunehmend Verwendung findet.
Bedeutungsentwicklung: Halt geht laut Hentschel (1986: 76 inkl. Übersetzung) auf eine Komparativform von „haldis“ → „mehr“ zurück und hatte im Ahd. temporale und modale Bedeutung, die durch „rasch, schnell, sofort, eher“ oder „vielmehr, lieber“ ersetzt werden kann. Die Meinungen dazu sind strittig. Teilweise wird der Standpunkt vertreten, dass halt sich nicht auf die genannte Komparativform zurückführen lassen könne (vgl. Diewald 1997: 93). Im Ahd. kommt Hentschel (1986: 77-79) zu dem Schluss, dass halt grammatikalisch dem Komparativ zuzuordnen ist und temporalen oder modalen Sinn haben kann, aber noch keine Partikelbedeutung hat. Im Mhd. hat halt noch die Bedeutung von „vielmehr, lieber, eher“ und wird neben diesen Begriffen als Modalpartikel verwendet. Für das Mhd. typisch wird halt in konzessiven Nebensätzen gebraucht, die beispielsweise durch „ob“ eingeleitet werden, und stellt einen Bezug zum pragmatischen Prätext her.
In der weiteren sprachlichen Entwicklung ist halt nicht mehr im Sinne von "vielmehr, lieber, eher" gleichzusetzen, sondern teilweise durch die Verwendung von "auch" wiederzugeben. So stellt halt eine innertextliche Verbindung zwischen zwei Sachverhalten her.
Im heutigen Gebrauch wird halt im übergeordneten Satz verwendet und stellt damit keine textlichen Verbindungen mehr her, sondern bezieht sich ausschließlich auf den „pragmatischen Prätext“. Der Schritt zur Abtönungspartikel ist somit vollzogen.

Beispiel 3: Ja

Ja wird nach Diewald (1997: 95 f.) als Modalpartikel nur in Aussagesätzen gebraucht und drückt die Bekräftigung der Übereinstimmung des Sprechers mit dem pragmatischen Prätext aus. Zu der Verwendung von doch besteht eine Ähnlichkeit, wobei mit doch ein Kontrast zum Prätext ausgedrückt wird und keine Übereinstimmung.
Bedeutungsentwicklung: Ja ist schon seit dem Got. und Ahd. als Interjektion und Satzäquivalent gebräuchlich und wurde im Ahd. in rhetorischen Fragen mit positiver Antworterwar-tung genutzt. Nach DWB und Paul/Henne 1992 ist die volle Modalpartikel seit Luther vorhanden. So wird ja als Modalpartikel wie im Nhd. gebraucht. Hentschel (1986: 85 f., 108) belegt den modalpartikelähnlichen Gebrauch im Ahd. und im Mhd. und kommt zu dem Schluss, dass sich die Verwendung von ja kaum vom Nhd. unterscheidet. Lediglich die syntaktische Stellung ist unterschiedlich. Im Mhd. steht die Partikel noch im Vorfeld. Jedoch sieht Hentschel die eindeutige Modalpartikelfunktion als erwiesen an, da eine Möglichkeit der Umstellung in die nhd. Mittelfeldposition besteht.
Hoffmann (2007) setzt das Responsiv ja als älteste Stufe des Grammatikalisierungsprozesses an und vertritt gegenüber Hentschel und Meibauer eine abweichende Meinung bzgl. der Funktionsentwicklung und auch der Intonationsbezüge. Die respondierend-affirmative Funktionaliät des vormals äußerungsexternen Gebrauchs als „Antwortpartikel“ wird als Basisfunktion angesehen, die in den verschiedenen weiteren Verwendungen nachgewiesen wird. Die Partikel ist im Laufe der Zeit in den Satz integriert/installiert worden und entfaltet dort ihre metapropositionale Funktion (propositionale Determination) (vgl. ebd).
Ja ist neben doch die älteste Modalpartikel. Beide Partikeln werden - neben wohl - oft als die am häufigsten verwendeten genannt.
In der ursprünglichen Funktion als Satzäquivalent/Responsiv bezieht sich ja immer auf den vorherigen Text bzw. eine vorhergehende Frage und vermittelt durch die positive Bestätigung des in der Frage aufgeworfenen Sachverhaltes dem Hörer neue Informationen.
Beim Gebrauch von ja als Modalpartikel/Abtönungspartikel kann die Aussage unter anderem bekräftigt werden, z. B. beim inkrementiven ja („Immer ernüchternder, ja katastrophaler sind die Resultate einer militärfixierten Art der Terrorismusbekämpfung. Wir sehen die katastrophalen Folgen im Irak. (Cosmas II: REI/BNG.01106 W. Nachtwei: Bundeswehrreform. Rede im Deutschen Bundestag am 23.09.2004“) (vgl. ebd.: 20).
Resümmierend setzt Hoffmann die Basisfunktionalität des Responsivs ja für alle Verwendungen des Ausdrucks (bspw. die beiden paraexpeditiven als Interjektion oder als Augment) an (mit spezifischer Variation und differierenden Wissensbezügen) und schreibt zur propositionalen Determination:

„Das ja zeigt eine Gemeinsamkeit mit Ausdrücken, die der Determination dienen wie etwa den definiten/indefiniten Artikeln. Die legen in Artikelsprachen hörerbezogen einen Wissensstatus für die Redegegenstände fest, die nominal versprachlicht werden. Hier geht es um einen Wissensstatus für Propositionen bzw. adressatenbezogene Handlungskonzepte. Integrativ ist diese Funktion in ihrem Verhältnis zur Proposition, deren Wissens- und Verarbeitungsstatus sie für die Adressaten klärt. Der Funktionsbereich der Determination kann also um Elemente erweitert werden, deren Wissensstatus durch Ausdrücke wie ja, eben, eh, halt markiert wird - Ausdrücke, die operativ oder paraoperativ sind. Eine weitere Parallele wäre, dass solche propositionalen/prädikationalen Determinative wie nominale Determinative nicht in allen Sprachen vorkommen. Sie finden sich etwa in indoeuropäischen Sprachen (Schwedisch, Norwegisch, Dänisch, Niederländisch, (Alt-/neu-) Griechisch alles Artikelsprachen – sowie im Gotischen, wo allerdings ein bestimmter Artikel nicht ausgebildet ist (der biblischgriechische wird oft demonstrativ übersetzt). Dies kann aber hier nur eine Forschungshypothese sein, die der Differenzierung und empirischer Untersuchung bedarf.“ (Hoffmann 2007: 21).
Eine neuere und kontrastive Untersuchung (Deutsch-Tschechisch) zu doch und ja bietet Rinas (2005), der einige interessante und weiterführende Aspekte – bspw. zu Abtönungspartikelkombinationen – aufzeigt.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass metaphorische und metonymische Reinterpretationsprozesse an verschiedenen Stadien der Grammatikalisierung beteiligt sind und kontextuelle (Situationsbezug), kotextuelle (sprachliche Mittel im Nahbereich, Satzbezug/Satzmodus sowie im diskursiven Zusammenhang) sowie intonatorische Aspekte bei rezenten Verwendungen eine wichtige Rolle beim Verständnis der Partikeln spielen.
Die Spenderlexeme der behandelten Partikel können, so Diewald (1997:100), in Gruppen zusammengefasst werden und deuten auf die Existenz einiger typischer Grammatikalisierungskanäle hin. Mit Blick auf die Grammatikalisierung können einheitliche, systematische Entwicklungslinien ausgemacht werden. Dennoch lassen Partikeln sich nicht eindeutig klassifizieren. Der Weg der den Partikeln zugrunde liegenden Ausdrücke („vom Symbolfeld zum Operationsfeld“) ist meistenteils vom Adjektiv oder Adverb (oder Responsiv) über weitere Stufen (Konjunktionen/Gradpartikeln) hin zu den Abtönungspartikeln verlaufen.
Einer der wichtigsten Aspekte der Abtönungspartikelverwendungen ist die Wissensbearbeitung. Geäußerte Propositionen werden im Hinblick auf Einstellungen und Bewertungen von S und H durch die Abtönungspartikeln in den Handlungszusammenhang eingebettet. Die grammatikalisierten Partikeln stellen über die jeweilige – semantisch verblasste aber vorhandene – Kernbedeutung, die Intonation, den zugehörigen Satzmodus sowie kontextuelle Merkmale relationale Beziehungen her und geben Einstellungen und Einschätzungen wieder.

Autorinnen: Luisa Kurtz, Friederike Koll

Bearbeitung und Ergänzung: Jochen Schulz

Literatur

Diewald, Gabriele (1997): Grammatikalisierung. Eine Einführung in Sein und Werden grammatischer Formen. Tübingen: Max Niemeyer Verlag.

[DWB] Grimm, Jacob und Wilhelm: Deutsches Wörterbuch. 33 Bde. – Leipzig: Hirzel 1854ff. (Nachdruck München 1984). Neubearbeitung Leipzig 1966ff.

Hentschel, Elke (1986): Funktion und Geschichte deutscher Partikeln: ja, doch, halt und eben. Tübingen: Niemeyer (RGL 63)

Hoffmann, Ludger (2007): Über ja. In: Deutsche Sprache (i. E.)

Ickler, Theodor (1994): Zur Bedeutung der sogenannten ‚Modalpartikeln’. In: Sprachwissenschaft 19, S. 374-404

Kärnä, Aino (2000): Die Kategorie ‚Partikel’ gestern und heute. Ein Überblick über griechische, lateinische und deutsche Grammatiken.

[Paul/Henne] Paul, Hermann (1992): Deutsches Wörterbuch. 9,. vollständig neu bearbeitete Auflage von Helmut Henne und Georg Objartel unter Mitarbeit von Heidrun Kämper-Jensen. Tübingen: Niemeyer.

Rinas, Karsten (2006): Die Abtönungspartikeln doch und ja. Semantik, Idiomatisierung, Kombinationen, tschechische Äquivalente. Frankfurt am Main: Lang (Reihe XXI Linguistik, Band 302) (zugl.: Würzburg, Univ., Diss., 2005).

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